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Interview mit den Machern von «King of Stonks»

«Wir sind bei Netflix für die Bösewichte zuständig»

Die deutsche Netflix-Comedyserie «King of Stonks» erzählt die Story des Wirecard-Skandals komplett neu und auf total abgedrehte Weise. Streaming.ch unterhielt sich mit den Showrunnern Philipp Kässbohrer und Matthias Murmann sowie mit Regisseur Jan Bonny.

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Thomas Schubert, Matthias Brandt, Larissa Sirah Herden, Jan Bonny, Matthias Murmann, Philipp Kässbohrer (v.l.)

Grosses Kino bei der Weltpremiere im Juni am Filmfest München: Die Schauspieler Thomas Schubert, Matthias Brandt und Larissa Herden mit den Machern Jan Bonny, Matthias Murmann und Philipp Kässbohrer (v.l.).
 

Tinnefeld für Netflix

Wussten Sie vorher was ein Stonk ist? Wir mussten googeln…

Philipp Kässbohrer: Es ist völlig ok, zu googeln. Ich glaube, dass die meisten Menschen googeln, während sie Netflix schauen. Ich meine, man googelt heutzutage doch alles, selbst wenn man sich sicher ist. 

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Jan Bonny: Wir fanden, dass es sich einfach auch fantastisch anhört.

Matthias Murmann: Menschen, die den Begriff googeln, werden merken, dass sich hinter dem Begriff eine unterhaltsame Meme-Kultur verbirgt. Das entspricht sehr der Tonalität unserer Serie.

In der Tat, es ist eine wirklich urkomische Serie.

Philipp Kässbohrer: Das freut uns zu hören, vor allen Dingen aus der Schweiz, wo man ja traditionell zu Geldthemen eher wenig Bezug hat. 

Stimmt, mit Geld haben wir Schweizer sonst nicht sehr viel am Hut. Aber wie kamen Sie auf die Idee zu «King of Stonks»? Es ist ja alles andere als eine Nacherzählung des Wirecard-Skandals. 

Philipp Kässbohrer: Wenn man sowas akkurat nacherzählen möchte, läuft man ja meist Gefahr, dass es dröge wird, und dass ständig Juristen mit im Writers-Room sitzen. Auf beides hatten wir keine Lust. Worauf wir aber sofort riesengrosse Lust hatten, waren diese Figuren voller toxischer Männlichkeit, dieser unbändige Narzissmus in einer Welt, in der es sich lohnt, ein Arschloch zu sein. Das hat uns schon sehr angesprochen. Wir sind bei Netflix ja sowieso ein bisschen für die Bösewichte zuständig.

Matthias Murmann: Das war so ein typischer Fall: Ein Thema ploppt auf, wir wissen, dass alle anderen Produktionsfirmen jetzt auch ein Konzept dazu entwickeln, und deswegen haben wir direkt das Gegenteil aufgeschrieben (alle lachen). Wir versuchen eben nicht, den echten Fall zu erzählen, sondern nutzen diesen als Inspirationsquelle, zum Beispiel für Figurenkonstellationen, und spinnen unsere eigene Geschichte daraus. Wir möchten, dass unser Publikum sich früh vom Impuls löst, ständig unsere Serie mit der realen Story abzugleichen.

Dann ist man auch viel freier beim Schreiben der Story, oder? 

Matthias Murmann: Lustigerweise war es immer wieder so, dass beim grössten Quatsch, den wir uns ausdenken konnten, eine Woche später jeweils der entsprechende Wirecard-Artikel in den Zeitungen kam. Da waren dann plötzlich tatsächlich die italienische Mafia oder der österreichische Geheimdienst involviert. Das war schon verrückt, wie die Absurdität der Realität uns immer wieder eingeholt hat. 

Jan Bonny: Wir wollten den echten Figuren ja nicht noch ein Denkmal bauen. Und deswegen ist es auch eine Satire und eine humorvolle Erzählung.

Wie kamen denn Sie, Jan Bonny, als Regisseur ins Spiel? Sie sind ja nicht in erster Linie für Komödien bekannt. 

Jan Bonny: Ich finde schon, dass meine Filme immer auch lustig sind. 

Philipp Kässbohrer: Das war eine relativ unkomplizierte Geschichte. Wir haben ihn einfach aufm Handy angerufen (grinst). Wir kennen uns ja schon ganz lange, und das Projekt war auch ein kleiner Abenteuertrip. Als würde man am Fusse der Alpen sitzen und sagen: «Hört mal Leute, morgen laufen wir da hoch. Und zwar ganz.» Für so ein Unterfangen braucht man Verbündete, die man gut kennt, und die ihre ganz eigenen Stärken mitbringen. Wir kommen mehr vom Entertainment und der Satire. Bei diesem Projekt war es aber extrem wichtig, in die wahren Abgründe der Figuren zu gucken. Dafür ist Jan Bonny natürlich der Richtige. 

Jan Bonny: Abgründe? Ich? 

Matthias Murmann: Tiefe Abgründe! (Alle lachen). Aber wir arbeiten ja auch in anderen Projekten zusammen. Wir haben zum Beispiel Musikvideos gemacht in der gleichen Konstellation, auch mit Matthias Brandt in einer Rolle, die unserem Magnus aus «King of Stonks» sogar ein wenig ähnlich ist. Wir wussten also, dass wir auch unterhaltsame Sachen zusammen machen können. 

Jan Bonny: Ja total. Ich hatte auch gar nicht unbedingt vor, eine Serie zu machen. Aber die Zusammenarbeit mit den beiden macht Spass, und wir trauen uns auch einigermassen über den Weg. Für mich geht es beim Film ja immer um die Bewegung von Körper im Raum, Körper gegen Raum, gegen andere Körper. Und zugleich weiss ich von den beiden, wie sie in ihren Drehbüchern mit Sprache umgehen. Das ist ein Umgang, den ich total schätze für die Schauspieler, mit denen ich gerne arbeite, allen voran Matthias Brandt, mit dem ich ja viele Filme gemacht habe. Ich hatte einfach auch Lust, einen etwas anderen Ton für meine Figuren auszuprobieren. Mir war klar, da finden wir gemeinsam die richtige Richtung.

Philipp Kässbohrer: Man muss da ja auch einmal noch dazu sagen, dass wir alle von der KHM kommen, der Kunsthochschule für Medien in Köln. Und das ist ja so eine Art Bruderschaft, quasi eine künstlerische Studentenverbindung. Wenn man da mal durchgegangen ist und sich das Gehirn hat waschen lassen, dann versteht man sich einfach. 

Die Figuren sind ja schon irre – allen voran Magnus. Wieviel von so einer Figur ist im Drehbuch vorgegeben, und wieviel entsteht am Set? 

Jan Bonny: Ich denke es braucht immer beides. Es gibt nicht den Moment, in dem man sich trifft und sagt: «Am Donnerstag denken wir uns Magnus aus!» Für uns war am Anfang entscheidend zu merken, dass wir Magnus ja alle kennen. Nicht nur wir drei hier. Matthias Brandt, der Magnus spielt, hat mir mal erzählt, er beobachte Typen wie Magnus im Prinzip schon seit seiner Geburt. Magnus ist ja real, den gibt’s ja, da fliessen alle Figuren mit rein, die wir über die Jahre kennengelernt haben, wir fliessen da auch selber mit rein an der einen oder anderen Stelle. Das findet beim Schreiben statt, aber auch wieder in dem Moment, in dem der Schauspieler hinzu kommt. In diesem Fall Matthias, der selbst noch die Zähne von Magnus beigesteuert hat. Das sind nicht seine privaten Zähne, das müssen wir klarstellen (alle grinsen)! Aber er hatte die Idee, diese Zähne auszuprobieren, als nochmal extremeres Mittel. Witzig ist, dass der Zahnarzt, der die Zähne angefertigt hat, auch schon für den einen oder anderen Prominenten solche Zähne in real und permanent angefertigt hat. Am Set geht es dann darum den Ideen Körper zu geben, Resonanzräume, damit das dann am Ende mehr ist als Papier, damit es wirklich lebendig wird, Rhythmus bekommt, sich mit den Räumen verbindet.

Was ist mit Thai-Klaus? Gibt es den auch in echt? 

Jan Bonny: Ja, aber hier war die Verbindung mit der Wirklchket eher andersherum. (Lacht.) Ich glaube, in dem Moment, in dem wir Thai-Klaus zu Papier gebracht hatten, wussten wir, wer ihn spielen würde, nämlich Jean-Luc Bubert. 

Philipp Kässbohrer: Und im Fall von Thai-Klaus würde ich sogar behaupten, dass es der Schweizer im Team war, der sich den Namen ausgedacht hat. Aber so ganz genau weiss ich das nicht mehr. Wir glauben ja an die Kraft der Gruppe und verbringen beim Entwickeln sehr viel Zeit zusammen im Writer-Room. Das sind eher so Lagerkoller-artige Superorganismus-Zustände, in denen alle etwas anders denken als normal. Und da haben wir auch immer einen Schweizer mit dabei. Der kann so eine fremde Aussenperspektive einnehmen. Fast wie einer aus so einem Urvolk, der das erste Mal in so ein System kommt, und den Entstehungsprozess wie ein Tourist betrachtet. Weil die Schweizer ja mit Geld an sich eigentlich gar nichts am Hut haben (grinst breit).
 

King of Stonks ★★★★☆

Netflix | Comedyserie

Mit Thomas Schubert, Matthias Brandt, Larissa Herden, Eva Löbau

D 2022, ab 6. Juli 2022

Von Simone Reich am 5. Juli 2022 - 10:55 Uhr
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