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Interview

Produktionsfirma Gaumont: «Eine Krimiserie für die Schweiz.»

Der Streaming-Boom beschert vielen Produktionsfirmen Goldgräberzeiten – so auch Gaumont Television, Macher von Hits wie «Narcos» und «Lupin».

Chris-tophe Riandée

Hitfabrik: Christophe Riandée (53) kam 2003 zu Gaumont und entwickelte die Sparte «Télévision».

Gaumont

Wie heisst die älteste aktive Filmproduktionsfirma der Welt? MGM? Paramount? Warner? Falsch. Sie heisst Gaumont, 1895 vom französischen Filmpionier Léon Gaumont gegründet.

Heute ist die Firma mit Hauptsitz Paris in drei Bereiche gegliedert: Gaumont Kinos, Gaumont Film und Gaumont Télévision, verantwortlich für Netflix-Hits wie «Hannibal», «Barbaren», «Narcos» oder «Lupin».

«Streaming» traf Christophe Riandée in Paris zum Gespräch. Der 53-Jährige ist stellvertretender CEO von Gaumont.

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Streaming: Monsieur Riandée, Gaumont steht u. a. für Netflix-Hits wie «Narcos», «Lupin» oder auch «Barbaren». Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Streaming-Riesen?

Christophe Riandée: Gaumont hatte bereits in den 1930er-Jahren für US-Firmen wie MGM und später auch für Columbia Pictures vor Ort produziert. Doch wir zogen uns zwischendurch immer wieder nach Frankreich zurück. Wir wollten das ändern und eröffneten 2011 in Hollywood Gaumont International Television. Auf dem Markt gab es damals dieses kleine Projekt namens Netflix. Eine Streaming-Plattform? Praktisch niemand glaubte daran!

Sie schon?

Nun, die Idee faszinierte uns. Deshalb knüpften wir den Kontakt zu Netflix, das damals nur ein paar Leute beschäftigte. 2012 produzierten wir für sie dann die Horrorserie «Hemlock Grove». Und Netflix-Boss Reed Hastings war davon angetan. Er sagte uns: «Ich versuche Lateinamerika zu erschliessen, bringt mir was aus dieser Gegend.» So haben wir unter anderem «Narcos» und «El Presidente» entwickelt.

Und als Sie vor ein paar Jahren in Deutschland Ihre Vertretung eröffneten …

... bestürmten uns die Netflix-Manager mit folgender Bitte: «Können wir nicht eine Serie über die Schlacht im Teutoburger Wald machen?» Diese berühmte Schlacht zwischen drei römischen Legionen unter Feldherr Varus und dem germanischen Heer unter Cheruskerfürst Arminius. Ich sagte ihnen: «Aber sicher doch» – und so haben wir den Hit «Barbaren» erschaffen. Die zweite Staffel ist derzeit in Produktion.

Ihre Abteilung in Frankreich produzierte auch den Welterfolg «Lupin» mit Omar Sy. Ist regionale Diversifikation der Schlüssel zum Erfolg?

Klar ist: Es gibt keine Vorrangstellung der amerikanischen Schöpfer gegenüber den französischen, deutschen oder spanischen. Es gibt in allen Ländern Qualitätsserien. Obwohl die Vereinigten Staaten eine längere Tradition des Geschichtenerzählens haben, ist die Vormachtstellung der amerikanischen Drehbuchautoren längst beendet. Die anderen Kontinente, speziell Europa, spielen auf Augenhöhe.  

Gaumont produziert auch für Plattformen wie Sky oder Prime Video. Wie beurteilen Sie den Markt: Ist die Sättigung nicht bald erreicht?

Nein, er wird weiter wachsen. Vor fünf Jahren hatte Netflix 100 Millionen Abonnenten. Heute sind es doppelt so viele! Disney+ hat auch schon 100 Millionen, HBO Max holt gewaltig auf, dazu kommen noch Apple TV+, Prime Video und neu auch Paramount+. Ich bin fest überzeugt, dass der Appetit der Konsumenten weiter steigt. Jeder möchte sich Geschichten erzählen lassen. Die Lust darauf, speziell in diesen Zeiten, war noch nie so gross.

«Netflix sagte: Bringt etwas aus Lateinamerika. Also haben wir ‹Narcos› entwickelt.» (Christophe Riandée)

Und wer verliert: die Kinos?

Das glaube ich nicht. Plattformen und Kinos werden ständig gegeneinander ausgespielt. Ich finde, wir vergleichen Äpfel mit Birnen. Denn die Faszination, einen Film auf einer grossen Leinwand zu sehen, ist ungebrochen. Sobald die Pandemie vorbei ist, werden sich alle ausgehungert auf die Filme stürzen. Kino ist eben auch ein Event, ein Erlebnis, das man mit Freunden teilt. Zudem zeigen Studien, dass Streaming-Junkies auch am meisten ins Kino gehen. Eine Win-win-Situation.

Sie betonen den Bedarf an Geschichten. Gibt es dafür genug gute Drehbücher?

In der Tat ist die Themensuche einfacher, als die besten Autoren zu finden. Eine 10- oder 12-Stunden-Serie zu schreiben, ist sehr komplex, nicht alle sind diesem Druck gewachsen. Doch auch bei der Themensuche hat sich einiges verändert. Wer hätte je gedacht, dass wir eine Serie über die Varusschlacht machen würden? Generell sind solche Stoffe, die einen historischen Hintergrund haben und vor Hunderten von Jahren spielten, noch längst nicht ausgeschöpft.

Verraten Sie uns zum Schluss noch Ihre wichtigsten laufenden Projekte?

Wir drehen derzeit die dritte Staffel von «Narcos: Mexico» und die zweite von «El Presidente». In Polen produzieren wir eine Serie für Sky namens «Die Wespe», eine schräge Comedyserie. Auch Ihr Land bedienen wir. Wir arbeiten an einer französisch-schweizerischen Krimiserie, die 2022 startet. Titel: «Off Season», eine Co-Produktion mit RTS und France 2. (siehe News). Diese düstere Serie wird Sie fesseln – da bin ich mir sicher.

Von Daniel Fallet am 30.06.2021
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