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Interview

Macher von The Tiger Mafia: «Wir gaben uns auch als Käufer aus»

Schmusekatze und Potenzmittel: In der Doku «The Tiger Mafia» zeigen zwei Schweizer das miese Geschäft des Wildtierhandels auf.

The Tiger Mafia

Arbeiten bereits an der nächsten Doku: Karl Ammann (l.) und Laurin Merz.

ZVG

Die Nachfrage steigt

Tiger Mafia

Ein Tiger bringt auf dem Schwarzmarkt über 60 000 Dollar ein.

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Der Tiger ist ein Symbol für das, was hier falsch läuft», hält der Fotograf und Artenschützer Karl Ammann in «The Tiger Mafia» nüchtern fest. Der investigative Dokumentarfilm wird im Sommer bei Prime Video aufgeschaltet.

Gemeinsam mit dem Filmemacher Laurin Merz deckt er darin die skrupellosen Machenschaften von Wildtierhändlern auf (s. Review).

Der Film mischt die jahrelangen Recherchen von Ammann mit Sequenzen, die Merz und er bis kurz vor dem Lockdown in Asien gedreht haben – mitunter auf eben solchen Wildtiermärkten, die heute als Auslöser der Pandemie gelten. «Im Rückblick erscheint das schon sehr surreal», sagt Laurin Merz im Gespräch mit «Streaming».

Streaming: Wann realisierten Sie, dass Ihr Film gerade von der Aktualität eingeholt wird?

Laurin Merz: Erst mal gar nicht, denn als wir im März 2020 in Laos drehten, erfuhren wir zwar von der schlimmen Situation in Wuhan, konnten das Ganze vor Ort aber nur schwer einordnen. So richtig gespürt habe ich es auf dem Rückflug in die Schweiz, als ich das Gefühl bekam, dass hinter mir alles abgeriegelt wird. Zu Hause wurde dann schnell klar, wie hochaktuell der Film ist – und dass wir ihn schnellstmöglich fertigstellen müssen!

Sie fokussieren nicht allein auf die Tiger und den Tierhandel, sondern auch immer wieder auf Karl Ammann. Ein bewusster Entscheid?

Absolut. Gerade weil das Thema sehr schwer und belastend ist, braucht es eine treibende Kraft, die führt und einordnet. Allerdings musste ich Karl erst davon überzeugen. Denn er wollte auf keinen Fall im Mittelpunkt stehen. Ihm geht es einzig und allein um seine Message und die Sensibilisierung der Menschen. Dafür engagiert er sich seit Jahren und riskiert dabei viel.

Kamen auch Sie beim Dreh in brenzlige Situationen?

Ich fiel natürlich viel stärker auf als Karl, dem man den älteren Touristen, der sich bloss ein bisschen die Stadt anschaut, durchaus abnimmt. Teilweise gaben wir uns ja als potenzielle Käufer von Tigerprodukten aus. Da kam es schon zu unangenehmen Situationen, in denen ich etwas nervös wurde und froh war, wenn wir wieder verschwinden konnten.

Gegenüber den Hintermännern empfindet man nur Wut und Abscheu. Jene Menschen aber, die aus Armut und Verzweiflung mitmachen, tun einem beim Zuschauen auch sehr leid. Wie ist es Ihnen diesbezüglich ergangen?

Sehr ähnlich. Wenn ein Wilderer vor der Wahl steht, seine Kinder verhungern zu lassen oder einen Tiger zu schiessen, habe auch ich ein gewisses Verständnis, das ist klar. Es geht im Film ohnehin nicht darum, mit dem Finger auf China oder andere Länder zu zeigen. Denn was teilweise in Europas Schlachthöfen passiert, ist keinen Deut besser. 

Der Film ist zuweilen eine Gratwanderung: Wie viel darf man dem Publikum zumuten? Wo setzten Sie hier die Grenze?

Die Skala der Brutalität ist nach oben tatsächlich offen. Daher haben wir viele Sequenzen nicht gezeigt, weil wir damit nur verstören, unser Ziel aber verfehlen würden. Wir möchten ja, dass die Leute den Film anschauen und sich Gedanken machen. Nicht nur über das Wohl der Tiere, sondern ganz generell über die Ungerechtigkeiten dieser Welt.

Die da wären?

Es ist eine Welt, in der Reiche auf Kosten der Armen immer reicher werden. Wir möchten aber auch zeigen, dass es jeder selbst in der Hand hat, etwas zu verändern. Das sagt vor allem der Schluss des Films aus: Es gibt kein Happyend mit herzigen Tigerli-Bildern. Der Film stimmt einen aber dennoch hoffnungsvoll – dank Karl, seinem Handeln und seiner Vision.

Von Regula Elsener am 28.05.2021
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