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Stille über Fukushima – Gegen das Vergessen

Während sich Japan rausputzt, zeigt «Stille über Fukushima» die andere Seite der Olympiamedaille.

Fukushima

Sinnbild einer Region: Kehrt je wieder Leben in die Sperrzone von Fukushima zurück?

ZVG

Eine unheimliche Stille liegt über der Sperrzone von Fukushima: Häuser zerfallen, Strassen werden überwuchert. Offiziell gelten nach dem Reaktorunfall von 2011 noch 2,4 Prozent der Fläche als unbewohnbar.

Doch nur langsam kehren das Leben und die Menschen in die wiederaufgebauten Gebieten zurück. Sie wirken trostlos. Gespenstisch.

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Rund 160 000 wurden damals evakuiert. 40 000 sind bis heute ohne Heimat. Sie zogen weg oder leben in engen Evakuationszentren. Eine Rückkehr sei sicher, sagt die Regierung. Doch Messungen zeigen: Die radioaktive Strahlung ist nach wie vor höher als vor dem Unglück.

«Welche Eltern möchten, dass ihr Kind unter solchen Bedingungen aufwächst?» Damit spricht Aya Domenig im Interview mit «Streaming» eine der wichtigsten Fragen ihres neuen Dokfilms «Stille über Fukshima» an, der ab dem 22. Juli auf Play Suisse abrufbar ist.

Die 49-jährige Filmemacherin wurde in Japan geboren, der Heimat ihrer Mutter. Der Vater ist Schweizer. Als Aya vierjährig ist, übersiedelt die Familie nach Zürich.

Die Verbindung aber bleibt. Und im Kinofilm «Als die Sonne vom Himmel fiel» (2015) folgte sie den Spuren des Grossvaters: Nach den Atombombenabwürfen 1945 auf Hiroshima versorgte er im dortigen Rotkreuzspital die Verwundeten.

Nun befasst sich Aya Domenig erneut mit den Langzeitfolgen nach einer atomaren Katastrophe, wenn auch auf ganz andere Art. Sie schlägt einen Bogen, der zunächst überrascht: Im Fokus stehen nämlich die Olympischen Spiele, die am 23. Juli starten sollen und höchst umstritten sind. Grund dafür ist aber laut Aya Domenig in erster Linie die Pandemie: «Über 80 Prozent der Bevölkerung sind gegen diese Spiele. Die Menschen haben Angst, dass Japan und sein Gesundheitssystem ans Limit kommen.»

Doch davon wolle die Regierung nichts wissen: «Die Bedürfnisse der Bevölkerung zählen nicht.» Im Gegenteil: Das ganze Land wird auf sauber und sicher getrimmt. «Alles im Griff!», lautet die Botschaft an die Welt. Fukushima? Kein Thema.

Doch insbesondere in Künstlerkreisen formiert sich Widerstand. So begleitet der Film die nervenaufreibende Mission des Komikerpaars Ken und Mako Oshidori: Auf der Bühne wollen sie die Menschen zum Lachen und mit ihren Fragen zum Nachdenken bringen. «Die Olympischen Spiele», sagt Mako Oshidori, «wurden ausgerechnet zu einem Zeitpunkt an Tokio vergeben, als in Fukushima erneut verstrahltes Wasser ins Meer lief.» Japan habe die Welt angelogen, um den Zuschlag zu bekommen.

Tatsächlich zeigt eine Szene, wie Vertreter der AKW-Betreiberin Tepco auf Makos hartnäckige Fragen hin zugeben müssen, dass es beim Rückbau immer wieder zu Zwischenfällen komme.

Da ist Olympia doch die perfekte Ablenkung. «Die Menschen sollen sich nicht mehr für Fukushima interessieren», sagt im Film auch der Fotograf Jun Nakasuji. Er kämpft mit seinen Bildern (siehe oben) gegen das Vergessen: Sie zeigen die Trostlosigkeit in ihrer vollen Wucht.

Aya Domenig selbst möchte ihren Film jedoch nicht als alleinige Kritik an Japans Regierung verstanden wissen. «Auch die Bevölkerung trägt ihren Teil der Verantwortung. Es ist an ihr, das Ganze zu hinterfragen und die Folgen von Fukushima nicht einfach zu verdrängen.»

Oder wie es ihr japanischer Kollege, Filmemacher Toshikuni Doi, ausdrückt: «Lebensgemeinschaften, Familien, ganze Dörfer wurden zerstört. Solche Existenzen unsichtbar zu machen, ist bequemer, als sie sehen zu müssen.»

Stille über Fukushima ★★★★☆

Play Suisse | Dokumentation

Von Aya Domenig.

Eindrücklicher Film gegen das Verdrängen und Vergessen.

CH 2021, ab 22. Juli

Von Regula Elsener am 28.06.2021
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